Wanderer im Tal der wilden Endert
Wanderer im Tal der wilden Endert

Entlang der Endert

N 50° 13.847940 | E 7° 8.429100

Dauer
04:44 H
Distanz
17,4 km

Zurück an der Mosel! Zurück an den schönsten Pfaden Deutschlands. Meine Freundin und ich übergeben die Planung der Wanderstrecke in die Hände unserer Freunde. Dabei starten wir von der Haustür eben dieser in Esch und laufen hinab von dort bis nach Cochem, immer an der wilden Endert entlang. Was auf Google Maps rein von den Metern nach einem Witz ausschaut, erweist sich als Tagestour.

Wir starten das erste Mal seit bestimmt 13 Jahren für mich so, wie man eine Wanderung eigentlich beginnen sollte: Bepackt, geplant und organisiert. Ich bin natürlich der einzige der keine eigene Tasche auf dem Rücken trägt, Wasser hat meine Freundin und ich habe die Kamera, und mehr braucht man ja wohl nicht.

 

 

Vor der Endert kommt die Schutzhütte

Wir laufen circa 10 Minuten an der Straße entlang. Obwohl man wirklich sagen muss, dass man Straße hier nicht wirklich ernst nehmen darf. Wir sind auf dem Land, und Esch ist so ziemlich der Standort den ich in einer Unterhaltung immer als Gegensatz zur “Stadt” nehme. Womit ich den Ort definitiv nicht schmälern möchte, ganz im Gegenteil. Das ist eher der Punkt, an dem ich die Vorzüge des Landes am besten am eigenen Leib bemessen kann.

Von den zehn Minuten befahrenen Weg wechseln wir auf ein kurzes Waldstück, mit einer kleinen Schutzhütte am Eingang. Wusste ich im Übrigen bis vor zwei Jahren nicht mal im geringsten etwas drüber. Maximal war mir das mal ein Begriff, als ich über einen Gletscher gelaufen bin und ich mir höchstwahrscheinlich falsch deklariert wurde, wie diese Hütten oben auf den Bergen heißen, für den Fall, dass ein Schneesturm entsteht.

 

 

Wilder Western um Kaisersesch

Nach kurzem, eher ziemlich normalem Waldweg folgt Feld. Und dann öffnet sich auch noch der Himmel. Es kann gut sein, dass es an diesem Tag das erste Mal so richtig warm im Jahr wurde, es kann auch sein, dass es einfach der erste Tag war, an dem ich es mal aus der Haustür geschafft habe, und es mehr als 20ºC war. Auf jeden Fall ist es jetzt warm, wir stehen auf einem Feld, die Sonne knallt, der Himmel ist offen und nur ein paar gemalte Wolken fliegen da relativ weit oben am Ende meiner Sicht entlang.

Und ich werde das Gefühl nicht los, ich würde mich im wilden Westen befinden. Das mag einfach an der Farbstimmung liegen, vielleicht auch ein wenig an dem leichten Geruch von Pferden, aber als wir dann noch eine alte Kutsche, ein paar Fahrgestelle und Bauernhilfsmittel sehen, malt sich mein Bild vollständig von alleine aus. Es ist perfekt! Ich fühle mich ein wenig wie ein kleiner Junge und fange an, in solch einer “naiven” Interessensfragerei zu versinken. “Was ist das? Wofür wird das genutzt? Ist das da oben ein Falke? Was macht der da? Ist der gerade abgestürzt? Bin ich eigentlich vollständig behindert und habe ich seit drei Jahren keinen Fuß mehr ins Gras gesetzt oder warum spinne ich so rum?

 

 

Schatten im verbrannten Gras

Es macht auf jeden Fall zunehmend alles mehr Spaß. Meine Kameradschaft beantwortete mir geduldig meine drei Fragen, ich würde sogar sagen, sie erfreuen sich kurzzeitig über meine Stadtblindheit. Ich lasse mich ein paar Meter nach hinten fallen, denn ich muss erstmal ein wenig herunterkommen, bevor ich noch mehr Fragen stelle, ohne auch nur zwei Sekunden meinen Kopf einzuschalten. Das Aufholen der Gruppe fällt mir wenige Minuten später nicht schwer, den wir machen eine kurze Pause. Und zwar nicht an einer Bank, einem besonders schönem Platz oder einem auffällig ruhigem Ort, sondern im Grunde einfach nur da, wo der erstbeste Baum steht und ein wenig Schatten in das leicht verbrannte Gras fällt. Wir hätten uns für keinen besseren Ort entscheiden können.

Jetzt reden wir glaube ich über Dorfgeschichten, also Gossip. Es kann auch sein, dass wir uns über irgendetwas anderes unterhalten, aber ich höre kurz nicht so richtig zu, denn ich habe noch nie vorher Tierfotos gemacht, und wir haben einen Hund dabei der die Anstrengung der letzten Stunde verarbeitet und mich dabei süß angrinst. Ein bisschen versuche ich jedoch mit aufzuschnappen. Nicht das ich da irgendwo mit mischen könnte, ich kenne niemanden von dort, aber ich frage gerne aufmerksam nach, über wen sich unterhalten wird, denn meistens werden mir gerade dann meine Fragen mit den lustigsten Geschichten beantwortet und ich erfahre mehr über die Kindheit, der ich kein Teil von war.

 

 

Vor der Endert kommt das Kloster

Von unserem Rastplatz aus erkenne ich weit entfernt ein Kloster. Vielleicht ist es auch eine Kirche, keine Ahnung. Auf jeden Fall machen wir uns jetzt auf den Weg dorthin, weiter über das Feld entlang einiger Kühe, die auf einer erstaunlich grünen Wiese geparkt wurden. Glück für die Kühe. Ab hier fängt es auch an, erkennbar steiler runterzugehen. Habe ich das schon angemerkt? Wir laufen im Übrigen die ganze Zeit, also die ganzen 2,5 Stunden, die eigentlich 6 Stunden sind, herab.

Und wir erreichen das Kloster. Das Kloster, indem ich noch anderthalb Jahre zuvor das erste Mal in meinem Leben einen katholischen Weihnachtsgottesdienst miterleben durfte, der mal am Rande, wirklich ziemlich schön war. Außerdem erfahre ich im Nebensatz, das im Grunde “der Gang an, entlang der Endert” jetzt erst beginnt. Nicht schlimm, bis jetzt war es schon super.

 

 

Perfekte Lichtung

Aber man merkt, dass es jetzt erst losgeht. Und man merkt, warum dieser Pfad im vorherigen Jahr zu einem der besten in Deutschland ausgezeichnet wurde. Hinter dem Kloster, nach meiner Ansicht ziemlich versteckt, beginnt der Abgang hinab in den Wald. Es wird auffällig kühler und feuchter. Wir ducken uns unter einem umgefallenem Baum hindurch, reihen uns hintereinander ein und verfallen in Schweigen.

Das erste Mal sehe ich diese Endert, an der wir parallel herunterlaufen sollen. Sie beginnt an einer winzigen Lichtung, die einfach perfekt von einem einzigen Lichtstrahl erhellt wird, der es tatsächlich durch das Dickicht geschafft hat.

 

 

Pilgerpfad zum Wasserfall

Neben uns, immer wieder im Stein, manchmal auch künstlich hinzugefügt, sind diese kleinen Bildchen, Malereien oder Reliefs, die den klassischen Leidensweg Christus markieren. Wenn diese “Pilgerartefakte” neben euch auftauchen, wisst ihr entweder, dass ein falsches Wort dir als Blasphemie ausgelegt werden kann, oder aber dass du mittlerweile mal nach diesen über stylischen Skistöcken schauen kannst, denn dann wanderst du wirklich in einem Gebiet, dass normalerweise ausschließlich von einer Wanderung besucht wird. Ziemlich lustig, vor vielleicht einem Jahr hätte ich im Traum nicht dran gedacht, dass das hier vielleicht mein Highlight des Jahres wird. Geschweige denn, das überhaupt etwas mein Highlight wird, was nicht mit Suff und Eskalation zu tun hat.

Doch von gedanklichem Suff zurück zu bewährtem Suff. Einer meiner Pilgerbrüder weist mich darauf hin, dass dies hier wohl einer der besten Routen wäre, um am Vatertag mit den Männern spazieren zu gehen. Klar, es geht ja auch nur Bergab, da schiebt sich der dicht gefüllte Bollerwagen im Grunde von selbst. In meinem Kopf rotiert sofort das hintere Rad des Bier-Tragekomforts. Schade nur, dass ich kein Alkohol mehr trinke.

Eine Brücke über die Endert beendet die Pilgerfahrt. Ich denke, das Kreuz neben dieser Brücke soll eigentlich den Ausweg zum Kloster markieren. Für uns nur die Bestätigung, ab jetzt mehr aufzupassen, wo wir hintreten, den das unsichtbare Sichtfenster Gottes endet wohl eindeutig hier. Und da ich so unkonzentriert auf dieses blöde Kreuz starre, in meinem Kopf mir so einen Unfug ausdenke, verpasse ich es fast den Wasserfall unter der Brücke wahrzunehmen. Meine Freunde warten mit dem Hund an der oberen Stelle des Wasserfalles, für Frida wohl an dieser Stelle das größte Highlight. Ich sprinte so cool ich nur kann den Abhang hinab, an das andere Ende des Wasserfalls.

 

 

Super-Models in der Endert

Jetzt glänzt auch noch das Wasser an der Stelle wie flüssiges Gold, wo der Wasserfall am unteren Ende aufschlägt. Mehr natürliche Inspirationen schwirrten selten auf einmal in einem Kopf umher. Ein wirklich toller Ort, der jedoch auch kein Geheimtipp sein soll. Man merkt es auch. Dies ist so ziemlich das erste Mal, dass wir Menschen auf unserem Weg treffen. Familien, Kinder und auffällig viele bärtige Männer. Ich glaube es war Paul Ripke, von dem es diese Bilder gibt, wie er oberkörperfrei wie ein Supermodel unter einem Wasserfall duscht. Auf jeden Fall spucken mir jetzt statt goldenem Wasser nur noch nackte, bärtige Männer, durch den Kopf. Es wird Zeit, weiterzugehen.

Und es wird jetzt einer dieser klassischen Wanderwege. Die Highlights werden zunehmend weniger, der Weg wird zu einem Gesamtkunstwerk. Jeder Blick in den Wald, entlang der steinigen Wände, ergeben immer wieder neue, einzigartige Bilder. Immer wieder tauchen Brücken auf, die einen mal rechts, mal links an dem Bach entlang laufen lassen. Ich will nicht lügen, in erster Linie schaut alles nach Waldtal aus, aber nun wirklich nach einem außergewöhnlich, auffällig schönem Waldtal.

 

Wasserfall bei Maria Martental

 

Wutbürger Hunde verzichten auf Geld

Irgendwann, nach bestimmt anderthalb Stunden konstanter Schönheit, klärt sich das Geäst ein wenig auf. Der Wald wird dünner und es entstehen immer wieder größere, freiere Flächen, inmitten des Waldes. Und als wäre das nicht genug: Da bauen jetzt noch irgendwelche Leute sich ihre Häuser rein! Und die sehen einfach nur Mega-Geil aus. Ich hinterfrage zwar nicht, wie zur Hölle das Material hier hingekommen sein muss, ob die so etwas wie eine funktionierende Toilette besitzen und und und, aber Geil!

Je weiter wir dann dem Ende entgegenkommen, desto mehr macht es dann auch wieder Sinn. So langsam tauchen Strommasten auf… Dann wird das wohl auch mit dem Sanitär bei denen funktionieren. Immerhin hätte ich ja in dem kleinen Gasthaus die Blase entleeren können. Da sind nur leider gerade ziemlich viele, andere, deutlich uncoolere Hunde, die wie Wutbürger bissl ausrasten. Dann nehmt halt nicht mein Geld!

 

 

Das Ende der Tour ist nicht das Ende der Endert

Ja und dann kommt eigentlich auch schon das Ende der Tour. Wir laufen aber diesem Punkt bestimmt noch eine oder anderthalb Stunden den Weg weiter hinab, überqueren auch hier wieder wunderschöne Brücken, haben links und rechts die schönsten Häuser um uns und genießen hier und da am Wasser ein wenig das Schauspiel der Natur & der Endert.

Es endet am Parkplatz. Die Füße tun mittlerweile weh. Die Stimme aller ist leiser geworden. Der Hunger ist groß. Es empfängt uns unsere Abholung. Wir fahren in zwei Autos und stillen den Hunger im freien, am Grill.

 

 

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